Iyengar Yoga ist eine moderne Ausprägung des traditionellen indischen hathayoga, die von dem einflussreichen Yogameister B.K.S. Iyengar (1918-2014) in jahrzehnterlanger Arbeit entwickelt und verfeinert wurde. Dabei verknüpfte er wirkungsvolle Körperübungen und Atemtechniken sowohl mit den Ideen antiker philosophischer Yogalehren aus dem alten Indien als auch mit den Erkenntnissen der modernen westlichen Anatonomie und Physiologie. Das Ergebnis seines unermüdlichen Schaffens ist eine praktische Übungsmethode, welche sich durch Intensität, Hingabe und Liebe zum Detail auszeichnet. Iyengar Yoga ist durch den systematischen Aufbau der Übungspraxis auch für Anfänger ohne Vorkenntnisse hervorragend geeignet. Vom Iyengar Yoga Deutschland e.V. zertifizierte LehrerInnen sind dazu ausgebildet, leichte körperliche Einschränkungen wie zum Beispiel Steifheit, Rückenschmerzen, Knieprobleme, und Verspannungen im Nacken zu berücksichtigen und bestimmte Übungen ggf. abzuwandeln oder durch geeignete Alternativen zu ersetzen. Dabei spielt auch der Einsatz von speziellen Hilfsmitteln wie Klötzen, Gurten, Stühlen usw. eine wichtige Rolle. Diese ermöglichen auch Neulingen von Anfang an eine korrekte Ausrichtung in den Haltungen, während fortgeschrittenere SchülerInnen damit gezielte Impulse setzen können, um noch präziser und harmonischer in den Übungen zu arbeiten.

 

 

Merkmale der Methode

In den letzten Jahrzehnten hat sich im Rahmen eines weltweiten Yogabooms eine nie dagewesene Vielfalt unterschiedlicher Yogastile herausgebildet. Diese setzen zum Teil völlig verschiedene Schwerpunkte bei der Yogapraxis, was bei angehenden und interessierten Yogaschülern schnell Verwirrung stiften kann. Das Angebot reicht von verschiedenen Formen des Hatha-Yoga und des "klassischen" Yoga über Kuriositäten wie Nackt-Yoga, Lach-Yoga, Hormon-Yoga bis hin zu etablierteren Schulen wie Sivananda-, Ashtanga-, Vinyasa- und Jivanmukti-Yoga. Auf welche Weise sich Iyengar Yoga von diesen verschiedenen Praxisstilen unterscheidet, lässt sich anhand einiger grundlegender Merkmale veranschaulichen.

 

Betonung der korrekten Ausrichtung

Hatha Yoga nach B.K.S. Iyengar ist vor allem für die Betonung der korrekten Ausrichtung des ganzen Körpers in den Yogahaltungen bekannt. Da sich bei einer allzu raschen Abfolge von Übungen schnell Fehler einschleichen, während reines Dehnen im Sitzen alsbald eine dumpfe Stimmung aufkommen lässt, bilden kraftvolle Haltungen im Stehen das Fundament der Praxis. Darauf aufbauend folgen Vorwärts- und Rückwärtsstreckungen, Drehungen, Bauchhaltungen, Umkehrhaltungen und Übungen zur Entspannung und Regeneration. Dabei spielt stets die Unterscheidung von Bewegungen und Impulsen eine wichtige Rolle: Während Bewegungen notwendig sind, um eine bestimmte Körperhaltung einzunehmen, erzeugen Impulse eine innere Dynamik, welche der Yogapraxis Intensität und Tiefe sowie Anmut und Leichtigkeit verleihen.    

 

Einsatz von Hilfsmitteln 

Um diese Art des Übens auch Anfängern, älteren Menschen sowie schwächeren und unbeweglicheren Schülern zu ermöglichen, werden neben den Yogamatten auch verschiedene Hilfsmittel wie Klötze, Gurte und Decken verwendet. Auf diese Weise können die verschiedenen Haltungen optimal an die individuelle körperliche Konstitution angepasst werden. Außerdem ermöglichen Hilfsmittel auch fortgeschritteneren Schülern ein längeres "Halten" der Übungen, wodurch das Verständnis für die Ausführung dieser sowie die damit einhergehenden Erfahrungen weiter vertieft werden können. 

 

Entwicklung vom Groben zum Feinen

Der Atemfluss wird von Anfang an in den Unterricht integriert, indem sämtliche Bewegungen entweder mit einer Ein- oder einer Ausatmung koordiniert werden. Der Fokus liegt allerdings zunächst auf der richtigen Ausrichtung der Knochen und Muskeln in den Yogahaltungen. Der Grund dafür ist, dass die Fortschritte beim Üben grundsätzlich als eine Entwicklung vom Groben zum Feinen oder von Außen nach Innen betrachtet werden. Da wirkliche Atemübungen, die über eine bloße Atemsensibilisierung hinausgehen, eine besonders subtile Form der Praxis darstellen, werden diese im Vergleich zu vielen anderen Yogastilen erst relativ spät erlernt.

 

Sequencing

Beim Iyengar Yoga gibt es keine festgelegte Abfolge von Übungen, die bei jeder Yogastunde in gleicher Art und Weise wiederholt wird. Vielmehr werden aus einem großen Repertoire von Haltungen sowie spezifischen Arbeitsweisen und Variationen einzelne Übungen herausgegriffen und je nach Thema oder Fokus der Yogastunde in eine sinnvolle und stimmige Reihenfolge gebracht. Diese Methode wird als „Sequencing“ bezeichnet. Dabei orientieren die meisten Iyengar Yoga Lehrenden sich an folgendem Rotationsprinzip: In der ersten Woche des Monats wird die Ausführung der Stehhaltungen vertieft und verfeinert. In der zweiten Wochen stehen Vorwärtsbeugen und Drehsitze im Vordergrund, während der Schwerpunkt in der dritten Woche auf den Rückbeugen liegt. Abgerundet wird die Praxis dabei unter anderem durch das Einfügen von Sonnengrüßen/Jumpings, Übungen für den Bauch und Umkehrhaltungen. Die vierte Woche des Monats unterscheidet sich von den vorhergehenden Wochen insofern, dass hier keine oder nur wenige Stehhaltungen thematisiert werden und stattdessen vorwiegend regenerative und gestütze Haltungen, Umkehrhaltungen und Atemtechniken (pranayama) geübt werden. So wird innerhalb eines Monats das gesamte Spektrum an Haltungskategorien abgedeckt, was allen Übenden eine harmonische Übungspraxis ermöglicht. Diese hilft ihnen wiederum, Entspannung und Regeneration gezielt und bewusst herbeizuführen, um Stress zu reduzieren und auch außerhalb des Unterrichts den Alltag gelassener bewältigen zu können. Außerdem werden Schüler und Schülerinnen, die selbst Yogalehrer bzw. zur Yogalehrerin werden wollen, so ausführlich auf die Berufsausbildung des Iyengar Yoga Deutschland e.V. vorbereitet, welche mindestens 3 Jahre regelmäßige Unterrichtserfahrung voraussetzt.

 

Ablauf einer Yogastunde

Obwohl sich einzelne Unterrichtseinheiten im Iyengar Yoga je nach Thema oder Schwerpunkt zum Teil stark voneinander unterscheiden können, gibt es nichtsdestotrotz vier verschiedene Phasen, die in jeder Stunde mehr oder weniger ausgeprägt zum Tragen kommen.

1. Einstimmung

Eine Unterrichtseinheit beginnt stets mit einer Einstimmungsphase im Sitzen und mit einigen einfachen Yogahaltungen zum Aufwärmen. Die Schüler und Schülerinnen bekommen hier die Gelegenheit, sich mental von den Alltagsangelegenheiten zu lösen und innere Qualitäten wie Demut und Hingabe zu kultivieren, um sich voll und ganz auf die bevorstehende Übungspraxis einzulassen. Außerdem können in dieser Phase bereits einzelne Bewegungsimpulse thematisiert werden, die im Laufe der Stunde schwerpunktmäßig wieder aufgegriffen werden.

2. Aktivierung und Dynamisierung

In der nächsten Phase werden hauptsächlich Übungen im Stehen ausgeführt, die zunächst dazu dienen, den gesamten Körper zu aktivieren und zu dynamisieren. Dabei werden in gleichem Maße sowohl Kraft und Flexibilität als auch Balance und Konzentration aufgebaut. Weiterhin können hier subtile Bewegungen und Impulse, welche die Grundlage für die korrekte Ausführung vieler anderer Übungen bilden, auf profunde und nachvollziehbare Weise vermittelt werden. Die Stehhaltungen genießen beim Iyengar Yoga daher einen besonders hohen Stellenwert.

3. Vertiefung und Fokussierung 

Nach den Stehhaltungen wird in der Regel je nach Thema/Woche (s.o.) eine bestimmte "Kategorie" von Haltungen in den Fokus genommen. So können die spezifischen Wirkungen der Übungen auf Körper und Geist auf konzentrierte und tiefgehende Art und Weise erfahren und erforscht werden.

4. Regeneration und Entspannung

Gegen Ende der Unterrichtseinheit folgen als vierte Phase Umkehrhaltungen wie der Schulterstand und regenerative Übungen, welche sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler und mentaler Ebene für einen beruhigen Ausgleich sorgen. Den Abschluss jeder Stunde bildet eine geführte Tiefenentspannung (savasana), welche von einfachen Atemübungen begleitet werden kann. Sie lernen, körperlich und geistig loszulassen und gleichzeitig völlig präsent zu bleiben.